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Im Namen des Netzwerks ergeht folgendes Urteil: Schuldig im Sinne des Shitstorms!

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Im Namen des Netzwerks ergeht folgendes Urteil: Schuldig im Sinne des Shitstorms! Im Namen des Netzwerks ergeht folgendes Urteil: Schuldig im Sinne des Shitstorms! - Mobile
07.01.2014

Im Namen des Netzwerks ergeht folgendes Urteil: Schuldig im Sinne des Shitstorms!

Die Anzahl an Shitstorms, gerade auch gegenüber Einzelpersonen, meistens Prominenten oder Politikern, nimmt zu. Diskussionen in sozialen Netzwerken werden immer aggressiver geführt. Webseiten und Blogs sind zunehmend mit aggressivem Nutzerverhalten konfrontiert (exemplarisch für Letzteres seien hier die zunehmend abfälligen Äußerungen bei Spiegel Online gegenüber den Verfassern von dort publizierten Artikeln zu nennen). Manchmal verursachen missverständlich formulierte Tweets, unpassende Bilder oder naive Kommentare Shitstorms und aggressives Nutzerverhalten. Immer öfter reicht aber schon eine aus der Sicht Anderer falsche Meinung aus, dass jegliche gebotene Zurückhaltung über Bord geworfen wird. Tatsächlich ertappe ich mich selbst immer häufiger dabei über die Frage nachzudenken, wohin dies alles führt. Warum sinken die Hemmschwellen im Internet allgemein und speziell in sozialen Netzwerken so stark? Warum werden Menschen so schnell so aggressiv? Nachfolgend ein durchaus subjektiver Diskussionsbeitrag.

Zunächst ...

Die nachfolgend formulierten Gedanken sollen keine generelle Ablehnung sozialer Netzwerke ausdrücken. Tatsächlich sind soziale Netzwerke faszinierende und – auch im gesamtgesellschaftlichen Sinne – durchaus positiv wirkende Werkzeuge. Ich möchte nachfolgend lediglich einen Aspekt aufgreifen, der mir persönlich gar nicht gefällt.

Also: Worum geht es?

Die Ausgangssituation: Menschen machen Fehler!

Menschen machen Fehler. Auch schlimme Fehler. Keine Frage. Und wenn Fehler in Zeiten globaler Vernetzung online passieren, dann können diese Fehler für Menschen trotzdem erhebliche Konsequenzen in der nicht-digitalen Welt haben.

Beispiel: Der Fall Justine Sacco

Schlagzeilen machte kurz vor Weihnachten der Fall von Justine Sacco. Sacco, PR-Agentin des US-Internetunternehmens InterActiveCorp (IAC), schrieb auf Twitter vor Beginn einer Dienstreise nach Südafrika: "Auf dem Weg nach Afrika. Hoffentlich bekomme ich kein Aids. Nur Spaß. Ich bin weiß!" Noch während Sacco im Flugzeug auf dem Weg nach Südafrika saß, verbreitete sich der Tweet zehntausendfach, schließlich griffen sogar internationale Medien den Tweet auf. Noch bevor Sacco gelandet war, war die Frau gefeuert, ihr bisheriges Leben zu Ende.


Video (YouTube): Justine Sacco Apologizes for Offensive South Africa Tweet

Justine Sacco wurde innerhalb von wenigen Stunden vom weltweiten Online-Mob angeklagt, verurteilt und kompromisslos hingerichtet. Facebook und Twitter übernahmen in diesem Fall die Rolle digitaler Standgerichte mit mehreren Millionen Geschworenen, die gleichzeitig auch Henker waren.

Natürlich war der Tweet von Justine Sacco geschmacklos, rassistisch und schlicht weg einfach inakzeptabel. Gar keine Frage! Trotzdem frage ich mich: Rechtfertigt ein einziger Tweet, ein Fehler, eine Nachricht aus gut 60 Zeichen, das Leben eines Menschen zu zerstören? Insbesondere ohne die Angeklagte vorher gehört zu haben? Ich denke: Jeder Mensch sollte immer das Recht besitzen, zu Anschuldigungen Stellung zu nehmen, die gegen ihn erhoben werden. Jeder muss sich zumindest erklären dürfen. Jeder muss die Gelegenheit haben Dinge klarzustellen und sich ggf. zu entschuldigen. Verurteilen kann man dann immer noch!

Das wirkliche Problem: Nicht immer sind es echte Fehler!

Der Shitstorm gegen Justine Sacco basierte auf einem echten menschlichen Fehler. Viel problematischer ist aus meiner Sicht der Umstand, dass Shitstorms und aggressives Verhalten heute schon dann zu beobachten sind, wenn jemand auch nur (s)eine Meinung vertritt. Warum ist das so? Weil eine Meinung problemlos als Fehler erachtet werden kann, nämlich dann, wenn man selbst eine andere Meinung vertritt.

Alles ist Religion, alles wird sofort zu einem persönlichen Glaubenskrieg, es gibt nur noch schwarz oder weiß, gut oder böse: Vegetarier oder Fleischesser, Bayern München oder Borussia Dortmund, Obama oder Tea Party!


Video (YouTube): Shitstorm im Bundestag - Politiker am Online-Pranger

Aber warum? Warum reagieren so viele Menschen so aggressiv?

Eine Antwort: Wir stumpfen ab!

Eine Studie des Brain & Creativity Institute (BCI) an der renommierten University of Southern California (USC) von 2009 zeigt: Die enorme Menge an Informationen mit denen Nutzer in sozialen Netzwerken konfrontiert sind machen eine angemessene Verarbeitung der Informationen unmöglich. Anders gesagt: Nutzer stumpfen sehr schnell ab und sind insbesondere nicht mehr fähig, sich das Schicksal oder die Gefühle anderer Menschen einzulassen. Die Empathie nimmt drastisch ab.

Aber lassen wir die Studie mal beiseite.

Denn es gibt noch eine zweite mögliche Antwort (und ja, das Nachfolgende mag jetzt durchaus eine gehörige Portion Hobbypsychologie enthalten).

Für den zweiten Erklärungsansatz müssen wir aber jetzt erst einmal einen Schritt zurückgehen und unsere menschlichen Verhaltensweisen in der Offline- und Online-Welt einander gegenüberstellen – und zwar bezogen auf den Umgang mit Fehlern (sowohl den eigenen als auch denjenigen von Anderen).

Wie verhalten wir uns offline?

In unserem privaten Leben machen wir selbst wie natürlich auch die Menschen die uns umgeben oft Fehler – beinahe jeden Tag, ständig, überall. Und oft sogar sehr gravierende Fehler. Überraschenderweise sind wir als Individuen aber trotzdem bereit, unseren Mitmenschen die meisten dieser Fehler (wenn auch nicht alle) zu verzeihen und erhoffen uns im Gegenzug auch die Vergebung unserer eigenen Fehler. Zwar werden Fehler nur selten „einfach so“ vergeben, d.h. typischerweise gibt es mal kürzere mal längere Aussprachen, in denen alles nochmals besprochen und diskutiert wird. Am Ende steht aber doch oft die bewusste Entscheidung: „Alles vergeben und vergessen!“

Warum aber tun wir das? Warum verzeihen wir?

Die einfache Antwort: Weil wir sonst unseren Alltag kaum bewältigen können! Niemand will ständig streiten. Persönliche Auseinandersetzungen sind immer anstrengend! Saumäßig anstrengend sogar! Und deswegen verzichten wir auch darauf, Anderen ihre Fehler vorzuhalten, auch wenn – und das ist jetzt wichtig – wir dies vielleicht sogar gerne tun würden, weil wir denken, dass wir im Recht sind.

Tatsächlich sagte Oscar Wilde treffend: "Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er sein Gesicht zeigt. Gib ihm eine Maske und er wird dir die Wahrheit sagen." Anders gesagt: Im Angesicht zu Angesicht mit anderen Menschen üben wir uns in Zurückhaltung. Fühlt sich der Mensch geschützt, z. B. durch Anonymität oder durch eine fehlende persönliche Beziehung zu kritisierten Menschen, wird die Zurückhaltung aufgegeben.

Und jetzt: Warum ist das online nun anders?

Es ist eben nicht anders! Angelehnt Oscar Wilde: Das Internet ist die Maske. Eine Maske die uns (vermeintlich) Anonymität und Schutz vor Verfolgung verspricht. Und genau diese Maske führt nun dazu, dass Menschen ihre Zurückhaltung im Internet und in sozialen Netzwerken vergleichsweise schnell über Bord werfen.

Mir ist bewusst, dass ich den diskutierten Sachverhalt hier sicher vereinfache, vielleicht auch zu sehr vereinfache, und dass auch noch viele andere Aspekte eine Rolle spielen werden. Der grundlegende Gedanke wird aber deutlich denke ich.

Fazit

Als Menschen müssen wir lernen, auch in unseren digitalen Lebenswelten Mindeststandards des sozialen Zusammenlebens einzuhalten. Idealisten werden jetzt natürlich sofort auf die vielfach diskutierte Netiquette verweisen und argumentieren, dass das alles ein alter Hut ist. Ich finde das gerade nicht. Es ist doch offensichtlich, dass nicht wenige Menschen – wie im echten Offline-Leben eben auch – sich nicht um ethisch-moralische Normen kümmern. Wir als Menschen und als Gesellschaft müssen reifer werden und v.a. nicht ganz so schnell mit „Todesurteilen“ bei der Hand sein, wie es z. B. im Falle von Justine Sacco der Fall war. Das sind wir uns schuldig!